Isabell Werth | Vortrag für den Nachwuchs
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Vortrag für den Nachwuchs

Sie sind die Hoffnungsträger des deutschen Dressursports: die Teilnehmer am Piaff-Förderpreis-Lehrgang für
angehende Grand-Prix-Reiter. Rund 30 Nachwuchsreiter und ihre Ausbilder gaben sich in Warendorf ein Stelldichein, um sich dem Urteil der Richter zu stellen und sich Ratschläge für die weitere Ausbildung zu holen. Guten Rat gab es auch von einer, die es wissen muss: Weltmeisterin und
Olympiasiegerin Isabell Werth (Rheinberg) ließ die jungen Leute und deren Begleitung in einem einstündigen Vortrag über den „Weg zum
etablierten Grand-Prix-Reiter“ an ihren Gedanken über Pferde, Pfleger, Trainer, Pferdebesitzer und Reiter teilhaben.
Von der ersten bis zur letzten Minute gebannt und konzentriert verfolgten die Zuhörer den Aussagen der deutschen Dressur-Queen, die ihnen aus eigener Erfahrung jede Menge gute Tipps mit auf den Weg gab.
Beginnend bei der Auswahl des Pferdes. „Das perfekte Pferd gibt es nicht“, so die Kernaussage Werths. Es seien immer Kompromisse notwendig. „Was wir im Grand Prix brauchen, ist das ‚komplette’ Pferd mit
überdurchschnittlichen Grundgangarten, guter Konstruktion, guter Konstitution und vor allem hoher Leistungsbereitschaft.“ Dabei müsse man
nicht zwingend nach einem „Materialsieger“ Ausschau halten. „Schwächen bei den Grundgangarten werden oft durch ein gutes Temperament ausgeglichen“, so die Referentin. Sowieso sei es die Sache des Reiters,
die vorhandene Qualität des Pferdes zu verbessern. Sie empfahl daher, „die Zeit, die bei der Suche nach dem Idealpferd oft verbraucht wird, besser zu nutzen, ein weniger perfektes Pferd heranreifen zu lassen.“
Auch ein „Einser-TÜV“ sei nicht unbedingt notwendig, sagte Werth, warnte jedoch davor, „jahrelang Zeit und Energie in ein Pferd zu investieren, bei dem man sehenden Auges ein (gesundheitliches) Risiko eingeht“. Wichtig beim Kauf sei einfach, dass ein Pferd zu einem passe und man eine „Vision“ davon habe, was aus diesem Pferd möglicherweise einmal werden kann. Die Olympiasiegerin empfahl ihren Zuhörern dazu den Besuch von Auktionen (auch ohne Kaufabsichten) zum „Lernen, Schauen und Vergleichen“.

Um im großen Sport erfolgreich zu sein, reicht das passende Pferd alleine nicht aus. „Auch das Team rund ums Pferd muss optimal aufgestellt sein“, erläuterte Isabell Werth. Dazu zählen in erster Linie
die Pfleger, die eine besondere Beziehung zu den Pferden haben, ihre Eigenarten und Launen kennen und ein besonderes Einfühlungsvermögen
besitzen sollten. „Es gibt einfach Dinge, die versteht man nicht, wenn man nur im Sattel sitzt“, sagte Werth. So lässt es sich die gefragte Reiterin auch bei aller Arbeit nicht nehmen, ein Pferd auch einmal
selbst fürs Reiten fertig zu machen, „um den Draht zu ihm zu finden.“ Neben dem Pfleger spielt auch der Tierarzt eine wichtige Rolle im Alltag eines Grand Prix-Stalles. „Ich halte nichts von einer Überbetreuung.
Aber der regelmäßige Check, das regelmäßige Vortraben hilft gegen Betriebsblindheit und beugt längerfristigen Problemen vor,“ so Werth.
„Die Chemie muss stimmen!“, lautet das Credo des Dressur-Stars zum Verhältnis Reiter/Trainer. Der Trainer müsse eine Vertrauensperson sein,
mit dem man ein gemeinsames Ziel verfolgen und auch Probleme besprechen könne. „Diskussionen sollten allerdings nie auf dem Pferd geführt
werden, immer nur vor oder nach dem Reiten“, so Werth. Von einem Trainer erwarte sie in erster Linie, dass er sich in Reiter und Pferd einfühlen
könne („Der Trainer muss in Gedanken immer mitreiten“) und seinen Schüler „alleine arbeitsfähig“ mache. Der Reiter muss lernen, selbständig auf Probleme zu reagieren. „Wer immer nur auf die Korrektur seines Ausbilders wartet, wird spätestens in der Prüfung Schiffbruch erleiden“, so Werth. „Ich habe das Glück gehabt, bei Dr. Schulten-Baumer
das Reiten von der Pike auf zu lernen, nicht nur Abspulen von Lektionen, sondern das wirkliche Gymnastizieren von Pferden.“
„Einen respektvollen und vor allem ehrlichen Umgang“ empfahl Isabell Werth den Reitern mit ihren Pferdebesitzern. „Nur so vermeidet man unliebsame Überraschungen“, sagte die Topreiterin und behauptete von sich selbst, „mit Madeleine Winter-Schulze die beste Pferdebesitzerin
der Welt zu haben.“ Allerdings habe sie auch schon erlebt, wie wohlmeinende Mäzene durch Unaufrichtigkeit und falsche Behandlung „den
Spaß an der Sache verloren haben und auf Dauer verprellt wurden.“ Werths Tipp: „Fremde Pferde immer wie eigene behandeln.“

Damit kam Isabell Werth zum Schlusspunkt ihres Vortrages, nämlich zum Reiter selbst und der Frage, was man tun muss, um keine reiterliche „Eintagsfliege“ zu werden. „Der rote Faden ist die Liebe zum Pferd, ohne die geht es nicht“, erklärte die 37-Jährige, die seit 1991 für Deutschland erfolgreich Championate bestreitet. „Jeder kann mal einen schlechten Tag haben, ungerecht oder auf dem falschen Weg sein, das ist menschlich. Ein Reiter muss allerdings in der Lage sein, sich selbst zu disziplinieren und auf den richtigen Weg zurückzufinden.“ Um ein Topreiter zu sein, brauche man außerdem Einfühlungsvermögen, um die Reaktion eines Pferdes schon im voraus erahnen und darauf reagieren zu können, ferner Sportlichkeit, Kondition und Elastizität, um mit den
Bewegungen „spielen“ zu können. „Wer wie ein ‚nasser Sack’ auf dem Pferd sitzt oder jeden Hüpfer des Pferdes direkt im Keime erstickt, handicapt
das Pferd in seiner Entfaltung. Gerade wer Grand Prix reiten will, darf niemals die Lebens- und Gehfreude seines Pferdes ‚wegreiten’. Vieles
lässt sich kompensieren, aber nicht, wenn ein Pferd nicht mehr nach vorne zieht“, so Werth. Natürlich müsse ein Reiter auch sein Handwerk
beherrschen, das heißt, die Fähigkeit, bestimmte Lektionen einzuleiten und auszuführen. „Aber nicht jeder ist in der Lage, ein Pferd auszubilden. Das ist keine Schande! Aber man sollte ehrlich sich selbst
und dem Pferd gegenüber sein und sich das eingestehen. Und schließlich lebt eine ganze Zunft von Berufsreitern davon, hier zu helfen und zu unterstützen.“
Für ihren Weg zum etablierten Grand Prix-Reiter empfahl die Topreiterin ihren jungen Zuhörern außerdem einen „Blick über den Tellerrand“. Dazu
zählt das Beobachten anderer Reiter bei Prüfungen und auf dem Abreiteplatz („Ein Drittel kann man mit den Augen stehlen“), aber auch das Reiten so vieler unterschiedlicher Pferde wie möglich. Einen guten
Reiter zeichne es aus, „dass er sich auf jedes Pferd individuell einstellen kann“, so Werth. „Trotz Skala der Ausbildung gibt es keine Schablone, nach der man jedes Pferd reiten kann.“ Zum Abschluss gab die
Referentin allen, die einmal in ihre Fußstapfen treten wollen, folgenden Rat mit auf den Weg: „Es gibt nicht nur sonnige Tage und man hat nicht immer nur Freunde. Um nach vorne zu kommen und vorne zu bleiben, müsst Ihr klar und ehrgeizig Euer Ziel verfolgen, dabei aber auch immer nach
rechts und links schauen und Euer Tun hinterfragen. Ich wünsche Euch viel Erfolg und würde mich freuen, einige von Euch eines Tages in einem
deutschen Championatsteam wiederzutreffen.“ Quelle: fn-press/Hb